Maschinenfabrik Berthold Hermle AGMaschinenfabrik Berthold Hermle AG

Bitte beschreibt kurz eure Funktion bei Hermle, vor dem USA Einsatz, während des USA Einsatzes und aktuell.


P.H. (Peter Hauschel): Vor meinem USA-Aufenthalt war ich für Hermle als Servicetechniker im Außendienst tätig und habe mich um
technische Probleme unserer Kunden vor Ort gekümmert. In den ersten Jahren in den USA (2012 - 2016) hatte ich das selbe
Aufgabengebiet. Die Kunden waren über das komplette Land verteilt. Ab 2017 bis zu meiner Rückkehr 2019 war ich als Service Manager für Hermle USA tätig. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich vorerst in der Export-Betreuung im Service (technische Auslandshotline) gearbeitet. Seit April 2021 bin ich als Regionalverkäufer im Vertrieb tätig und befinde mich derzeit in der Einarbeitung, um das Vertriebsgebiet Südost-Asien und die neue Niederlassung Hermle SEA vertriebsseitig zu betreuen.

T.W. (Thomas Witt): Vor meinem USA-Aufenthalt gehörte ich zur Gruppe der Anwenderschule in der AWT. Mein Hauptaufgabengebiet war es, Kunden auf unseren Maschinen und Anlagen zu schulen. Von März 2017 bis Mai 2020 habe ich das Anwendungstechnik-
Team in Franklin unterstützt. Dieses bestand aus fünf Anwendungstechnikern, was vergleichweise zu Gosheim mit einer Abteilung bestehend aus 45 Kollegen, sehr klein ist. Bedingt durch diese Tatsache, gab es keine Einteilung in Spezialisten-Gruppen. Somit reichte mein Aufgabenbereich von Hotline über Kundenschulungen, Machbarkeitsanalysen, Zeitstudien bis hinzu Fräsversuchen. Aufgrund der Größe der USA, aber auch aufgrund der aus den USA zentral mitbetreuten Ländern Mexiko und Kanada war die Reisetätigkeit auch dementsprechend hoch. Seit Mai 2020 bin ich wieder zurück in der Anwendungstechnik
in Gosheim und führe nun Fräsversuche für unsere Kunden durch. Was waren eure Beweggründe, einen Job in den USA anzunehmen?

P.H.: 2010 habe ich für zwei Monate dem Service-Team in den USA ausgeholfen. Während dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit,
viele verschiedene Kunden in den verschiedensten Ecken der USA und Kanadas zu besuchen. Dabei habe ich in der kurzen
Zeit sehr viele Eindrücke über das Land gewonnen. Neben der offenen und freundlichen Art vieler unserer Kunden hat
mich auch die Vielfalt des Landes von riesigen Metropolen zu einzigartigen Nationalparks besonders begeistert. Als deutscher
Techniker wurde ich von den Kunden vor Ort immer besonders willkommen geheißen. Die durchweg positiven Erfahrungen
während dieses Besuchs, die Begeisterung für den „American Way of Live" und die Möglichkeit mich persönlich weiter zu entwickeln
haben kurze Zeit später dazu beigetragen, ein Angebot von HMC anzunehmen und in die USA umzuziehen.

 

Thomas Witt - Hermle AG

T.W.: Ich wollte die gebotene Gelegenheit nutzen, um die Erfahrung zu machen, wie es ist, in einem anderen Land zu leben. Die
Gebräuche, Sitten, Mentalität etc. besser kennenzulernen, als man es z.B. in einem Urlaub kann. Daneben sah ich die Chance,
mich fachlich und sprachlich weiterzuentwickeln. Ausserdem war mir die USA auch nicht fremd, da wir dort Familie haben
und mir das Land gut gefällt. Welche Hürden hattet ihr zu bewältigen (Sprache, Kultur …)?

P.H.: Grundsätzlich bin ich sehr offen, darum ist es mir leicht gefallen mich in den USA schnell einzuleben. Zu Beginn meines
Auslandsaufenthaltes war mein Englisch nicht perfekt. Dadurch entstanden manchmal auch witzige Missverständnisse. Allerdings
sind die Amerikaner großteils sehr offen und an anderen Kulturen interessiert. Mein deutscher Akzent war nicht selten der Grund, warum ich auf Reisen mit Amerikanern ins Gespräch gekommen bin und diese kennen gelernt habe.

T.W.: Zunächst einmal einige Behördengänge: Zuerst die Social Security Card / Sozialversicherungsnummer, auf dieser baut alles auf. Bankkonto eröffnen, fester Wohnsitz, Führerschein/Personalausweis, etc. Eine große Umstellung war die Art, wie die Kreditwürdigkeit funktioniert. In Deutschland erhält man Schufa-Einträge, wenn man seine Kredite nicht bedient. In den USA muss man kleine Kredite aufnehmen (z.B. Kreditkarte), diese schnell zurückzahlen, um seinen „Credit-Score“ positiv aufzubauen. Um somit kreditwürdiger zu werden. Sprachlich ist es eine Sache, berufsbezogene Konversationen zu führen, „Small-Talk“ oder alltägliche Dinge eine ganz andere.
Natürlich fängt man auch im privaten Umfeld bei null an. Man muss neue Kontakte, Freundschaften knüpfen, etc. Was hat euch dazu bewogen wieder zurückzukehren? 

Peter Hauschel - Hermle AG

P.H.: Wir hatten den Wunsch selbst eine Familie zu gründen und haben uns entschlossen, dass das in der Nähe meiner Familie einfacher ist. 

T.W.: Ausschließlich die Familie, ansonsten wären wir geblieben. Wie würdet Ihr das Leben in den USA gegenüber Deutschland beschreiben? 

P.H.: Der Stereotyp, dass Amerikaner generell offener und freundlicher sind, leichter ins Gespräch kommen, diese Begegnungen auf der anderen Seite aber auch oberflächlicher sind, kann ich so zum Großteil schon bestätigen. In den USA habe ich immer in größeren Städten gewohnt, für mich ist der größte Unterschied nicht die Kultur im Generellen, sondern die Unterschiede zwischen der Stadt und unserer eher ländlichen Gegend hier. Das Angebot an unterschiedlichen Restaurants und Bars ist in den USA im Generellen weitaus größer. Wobei Service und Kundendienst in allen Bereichen eine wesentlich höhere Priorität haben als bei uns (Hermle-Service natürlich ausgenommen). Beispielsweise sind Bedienungen in Restaurants um ein Vielfaches freundlicher und es besteht eine höhere Bereitschaft, den Gast zufrieden zu stellen. 

T.W.: Die Menschen dort sind offener, freundlicher, rücksichtsvoller und hilfsbereiter. Natürlich ist es, wie in Deutschland auch, je nach Gegend/Bundesstaat mehr oder weniger ausgeprägt. Wenn man z.B. abends alleine unterwegs ist, findet man recht schnell Anschluss.
Es herrscht weniger Neid unter den Leuten und deutlich weniger Bürokratie. Außerdem gilt der Grundsatz
„Arbeiten, um zu leben und nicht leben, um zu arbeiten“. Beim Thema Dienstleistungen heben sich die USA deutlich ab.
Alles läuft gefühlt entspannter ab, und das über sämtliche Lebensbereiche gesehen. Grundsätzlich ist ein Vergleich aber auch
insofern schwierig, dass wir von unserem eher ländlichen Raum in eine Großstadt gezogen sind. Das Angebot an Freizeitaktivitäten,
Konzerten, Sportveranstaltungen etc. war dadurch bedingt deutlich größer. Das haben wir sehr genutzt und genossen.
Was waren während eures USA Einsatzes die wichtigsten Erkenntnisse?

P.H.: Nicht direkt eine Erkenntnis, aber mein wichtigstes Ereignis war, dass ich während meiner Zeit in Miami meine Frau Annie
kennengelernt habe, die vor zwei Jahren zusammen mit mir wieder nach Deutschland umgezogen ist. 

 

T.W.: Klischees über andere gibt es überall auf der Welt. Man muss Dinge auf sich zukommen lassen und kann nicht alles
planen, auch wenn man sich noch so viele Gedanken macht. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass man als
Deutscher in den USA sehr geschätzt wird, da Deutschland als technologisch sehr fortschrittliches Land gesehen wird.
Was war die witzigste, gefährlichste, interessanteste Aktion/Begebenheit während eures Aufenthaltes.

P.H.: Da gab es sicher viele, aber was mir spontan einfällt: Meinen Umzug von Milwaukee nach Miami haben wir lange geplant. Die
Fahrtzeit beträgt ca. 24h. Da ich zusammen mit einem Kollegen Gunther Schnitzer umgezogen bin, haben wir beschlossen,
die Fahrt mit einem Umzugs-Truck voll in einem Zug durchzuführen. Wir wollten abwechselnd fahren und auf dem Beifahrersitz
schlafen. Früh morgens haben wir den Miet-Truck abgeholt und dann den ganzen Morgen mit unseren Möbeln etc. beladen. Erst am Nachmittag haben wir uns auf den Weg nach Miami Beach, FL gemacht. Die einzigen Stopps, die wir eingeplant hatten, waren ca. alle 3h kurz zum Tanken des Fahrzeugs. Nach einigen Stunden Fahrt mussten wir dann doch das eine oder andere Red Bull trinken, was sich im Umkehrschluss später sehr negativ auf die geplante Schlafphase auf dem Beifahrersitz ausgewirkt hat. Nach einem ganzen Morgen Möbelbeladen und einer letztendlich 25h nahezu schlaflosen Fahrt, hatten wir bei hochsommerlichen 40°C noch 1h Zeit, um den Truck wieder zu entladen. Im Nachhinein gesehen wäre es vermutlich sicherer und entspannter gewesen, eine Übernachtung einzuplanen.

T.W.: Ich war bei einem Kunden in Alabama für zwei Wochen. Übers Wochenende bin ich dort geblieben und wurde von einem der Mitarbeiter am Sonntag mit zum Kayak fahren genommen. Als ich zum Treffpunkt kam, stellte ich fest, dass wir nicht zu
zweit sondern eine Gruppe von 12 Personen (jeweils zwei Familien und ich) waren. Wir waren auf Nebenarmen des Tennesse
Rivers unterwegs und, wie man es aus dem Fernsehen kennt, war es Natur pur. Schildkröten lagen auf Baumstämmen, Schlangen
sind durch`s Wasser geschwommen etc. Die Erfahrung in der Natur war unbeschreiblich. Was mich jedoch am meisten beeindruckt
hat, war die Gastfreundschaft, mit der ich aufgenommen wurde. Als „gefährlichste“ Begebenheit würde ich den Winter 2019
nennen. Es ist kalt über die Wintermonate in Wisconsin, das ist nicht ungewöhnlich. Aber in einer Woche des besagten Winters
hatten wir eine Kältewelle mit bis zu -49 Grad Celsius. Der Notstand wurde ausgerufen, und es wurde davor gewarnt, das Haus
zu verlassen, da Erfrierungen im Gesicht z.B. binnen Minuten entstehen konnten. Was würdet Ihr jemandem mit auf den Weg geben wollen, der einen ähnlichen Entschluss wie ihr fasst? 

P.H.: Genieße die Zeit, reise so viel es geht und nutze die Zeit um Dich persönlich weiter zu entwickeln. Das Land und die Leute sind so vielseitig, es gibt enorm viel zu erkunden. Mach dich vorzeitig über das Gesundheits- und Rentensystem in den USA schlau, da diese Bereiche in den USA anders organisiert sind als bei uns.

T.W.: Genieße es in vollen Zügen und sammle so viele Erfahrungen wie möglich. Lass dich auf Situationen ein, auch bei
Vorurteilen, wenn auch nicht zwingend negativen, und entscheide dann. Manche Dinge muss man erleben, um entscheiden zu
können, ob sie tatsächlich ein Problem darstellen oder nicht. 

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